Neuer Stolperstein in der Schloßstraße erinnert an Ernst Canstein

Es war eine besondere Stolpersteinverlegung am vergangenen Donnerstag in der Bad Laaspher Schloßstraße vor dem Haus Nummer 6. Nicht nur, weil aufgrund der aktuellen Corona-Situation der Rahmen ganz klein ausfallen musste. Sondern auch, weil dieser neue Stolperstein, der 86. in Bad Laasphe, der erste ist, der nicht an ein durch die Nationalsozialisten umgekommenes Mitglied der jüdischen Gemeinde oder der beiden verfolgten Sinti und Roma-Familien erinnert. Mit ihm wird ab sofort für jeden sichtbar Ernst Canstein gedacht, einem Opfer der sogenannten Aktion T4, also der systematischen Ermordung von kranken und behinderten Menschen durch das NS-Regime, die von Januar 1940 bis August 1941 über 70.000 Männer und Frauen das Leben kostete.

Den Anstoß zur diesem Stolperstein hatte – wie schon bei den anderen Steinen – der Bad Laaspher Freundeskreis für christlich-jüdische Zusammenarbeit gegeben. Der Tag der Verlegung war nicht zufällig. „Heute ist Ernst Cansteins Geburtstag“, erklärte Freundeskreis-Vorsitzender Rainer Becker, als er in einer kurzen Ansprache auf das Leben von Ernst Canstein zurückblickte.

Canstein, geboren am 14. Mai 1867 in Wilhelmshütte im Kreis Biedenkopf, studierte nach dem Abitur Geschichte und Neuere Sprachen in Marburg und wurde nach Stationen in Biebrich und Geisenheim am Rhein schließlich Oberlehrer in Kassel. Nach derzeitigen Erkenntnissen schied er 1920 aus dem Schuldienst aus. In den Folgejahren verwaltete er das Fürstliche Archiv Sayn-Wittgenstein-Hohenstein im Laaspher Schloss. Canstein war unverheiratet und hatte keine Kinder, bis 1934 lebte er mit seiner ebenfalls ledigen Schwester in der Schloßstraße im heutigen Haus Nummer 6.

Er war ein großer Gegner der Nationalsozialisten und setzte sich in einer langen handschriftlichen Arbeit kritisch mit Alfred Rosenbergs „Der Mhytus des 20. Jahrhunderts“ auseinander, einem der einflussreichsten Werke eines führenden NS-Politikers. Seine Ablehnung äußerte sich auch darin, dass er nie „Heil Hitler“, sondern lediglich „Heil Hi“ sagte. 1934 wurde er wegen einer angeblichen Schizophrenie in die Heilanstalt Aplerbeck eingewiesen. Sieben Jahre später, am 1. Juli 1941, verlegte man ihn in die Landesheilanstalt Herborn und am 23. Juli 1941 von dort in die Tötungsanstalt Hadamar. Hier wurden die „Patienten“ zumeist noch am Tag ihrer Ankunft in Gaskammern umgebracht. Der 23. Juli 1941 gilt deshalb heute als Ernst Cansteins Todestag.

Margit Haars und Rosemarie Bork wohnten der Stolpersteinverlegung als Mitglieder des Freundeskreises ebenfalls bei. Für sie sei es „eine Ehre, heute hier mit Gleichgesinnten zu stehen“, erklärte Margit Haars, die zugleich Einrichtungsleiterin des August-Hermann-Francke-Hauses für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist. Sie gab Erläuterungen zur Aktion T4, der Canstein zum Opfer fiel und zitierte dafür aus dem Vorwort zum Theaterstück „Ophelias Garten“ des italienischen Autors Pietro Floridia, das diese Vernichtungsmaschinerie als Teil der „nationalsozialistischen Rassenhygiene“ thematisiert.

Bürgermeister Dr. Torsten Spillmann dankte dem christlich-jüdischen Freundeskreis für den neuen Stolperstein. Die kleine Gedenktafel im Bürgersteig vor dem einstigen Wohnhaus Cansteins sei gerade in der momentanen Krisenzeit ein wichtiges Zeichen und ein sichtbares Symbol dafür, dass die Erinnerung an die Gräueltaten und die Opfer der Nationalsozialisten wachgehalten werden müsse. Die Verlegung des Steins übernahm anschließend Karl-Heinz Fischer vom städtischen Bauhof.

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